Shanna war verwirrt, schockiert und fassungslos zugleich. Was hier gerade geschehen war und was sie gesehen hatte… oder glaubte, gesehen zu haben… sprengte alles in ihrem Kopf. Dass sie überfordert war, w?re eine Untertreibung gewesen. Vor ihr hatte sich eine Szene abgespielt, die vor grenzenlosem Hass und Mordlust im nichts nachstand. Sie war wirklich an vieles gew?hnt und hatte im Laufe ihres Lebens viel unter den J?gern gelernt und erfahren. Da herrscht genau diese Gefühle… aber das hier war weitaus mehr. Pers?nlicher und roher als alles, was sie von den J?gern konnte, die Mythenwesen jagten.
Shanna erinnerte sich an jede einzelne Sekunde, als h?tte sich dieses Schauspiel in Zeitlupe vor ihr abgespielt. Gerade noch wollte ihr Vater sie mit einer einzigen Haltung angreifen und t?ten… wie er es so offen gelegt hatte. Sie war bereit für seinen Angriff gewesen, ihre blutigen Dolche lagen schwer und bewusst in ihren H?nden. Sie verst?rkten ihren Griff darum, weil sie befürchtete, sie zu verlieren, und was sie sich durchaus nicht leisten konnte. Doch bevor es dazu kam, erschien ein Schatten hinter ihrem Vater. Mit einer Wucht und Intensit?t, die alles überstieg, riss er ihn mit einem lauten, dumpfen Knall auf den steinigen Boden. Sein Gesicht schlug zuerst auf und als würde dieser Aufprall nicht schmerzen und die blutigen Spuren nicht Beweis genug, ruckte sein Kopf schmerzhaft herum, w?hrend auch Shanna langsam bewusst wurde, wer auf dem Rücken des m?chtigsten Mannes sa?.
Emily… ihre Schwester… hatte sich erbarmungslos auf ihn gestürzt. Sie hoben einen spitzen, scharfen Dolch mit beiden H?nden und stie?en ihn ohne Vorwarnung oder jegliche Emotionen zu. Direkt in den kraftvollen Rücken, zwischen seinen Schulterbl?ttern. Shannas Herz setzte einige Augenblicke aus und ihr Atem… er stockte unwillkürlich, als g?be es keinen Sauerstoff mehr. So hatte sie Emily ihr ganzes Leben noch nie gesehen. Derma?en kaltblütig, erbarmungslos und unberechenbar. Doch was sie noch mehr aus dem Konzept brachte, waren die gefallenen Worte. Nein, sie konnte bei bestem Willen nichts h?ren, aber sie konnte gerade jedes einzelne Wort von beiden ihrer Lippen f?hig sein. Jede Silbe, die sie untereinander austauschten, lie? sie ein Stück mehr zurückweichen und es blieben immer weitere Fragen auf. Shanna verstand nicht… alles machte überhaupt keinen Sinn, aber als es zu lange dauerte, schnitt der Dolch ihrer Schwester weiter in das Fleisch ihres Vaters, bevor er teilweise weiter zusammenbrach, als w?re er benommen. Eine ungew?hnliche Ansicht, ihn auf dem Boden liegen zu sehen. Sonst stand er immer überlegen und stolz vor ihnen, jede Macht demonstrierend, aber jetzt… diese Wehrlosigkeit. Ein Augenblick der Schw?che, den sie nutzen konnten.
Ihr eigener innerlicher Impuls, ihm Schmerzen zuzufügen. Für all die Jahre, die sie hatte durchleiden müssen. Oder unz?hlige andere. Wie in Trance machte Shanna einen Schritt nach vorne, ihre Dolche… bereit, sie ebenfalls in sein verdorbenes Fleisch zu bohren, aber soweit kam sie nicht. Denn Emily stürmte auf sie zu, ermahnte sie, was sie hier t?te und dass sie laufen sollte, als sie im n?chsten Augenblick hart an ihrem Kragen packte, mit sich riss... und sie erneut aus dem Konzept brachte. Danach ging alles schnell. Mit einem einzigen Wimpernschlag ver?nderte sich alles. Absolut alles… ihr Sichtfeld, ihre Umgebung und ihre kompletten Sinneswahrnehmungen.
Kaum dass sich ihr Sichtfeld wieder materialisierte, kehrten ihre gesch?rften Sinne zurück und sie musste erst ihre neue und komplett ungewohnte Umgebung wahrnehmen. Shanna wusste nicht, wo sie genau gelandet waren, aber sie blickte nur um sich... links und rechts nur grobe steinige Felsen, w?hrend von vorne und hinten klaffende L?cher in die Ferne reichten. Es sah wie ein H?hlengang aus... nur dass eben brennende Fackeln an den W?nden hingen, so wie sie es im ersten Augenblick wahrgenommen hatte. Sie spendeten nur sp?rlich Licht in diesem Gang… weiter in diese g?hnende Dunkelheit, als erreiche das Licht dort nichts. Obwohl Shanna erkennen konnte, dass in gewissen Abst?nden Fackeln positioniert waren. Alles, was weiter in der Ferne lag, war… ungewiss. Eine Ungewissheit, was dort alles lauerte.
Vorsichtig, ohne ihre Umgebung aus den Augen zu verlieren, legte Shanna eine Hand auf den groben Boden und überprüfte somit die Vibrationen. Sie konnte nichts spüren... oder dass sich etwas ihnen n?herte. Die Luft war unangenehm erdrückend, als hinge etwas Schweres darin. Ebenso der intensive Geruch nach Tod und etwas viel Düsterem. War dies das sogenannte H?llen-Labyrinth? Von dem sie so viel geh?rt und gelesen hatte? Eine gewisse Ausstrahlung besa? es durchaus und sie konnte nicht ahnen, was noch alles lauerte. Sie hoffte nur, dass Neil sich hier befand und dass es ihm gut ging. Mehr wollte sie nicht.
Daher versuchte Shanna es ein weiteres Mal. Doch je mehr sie sich anstrengte, umso vergeblicher wurden ihre Versuche. Sie konnte es einfach noch nicht und aus irgendeinem Grund schaffte sie nicht, die mentale Verbindung aufzubauen, wie die W?lfe es untereinander taten. Bei ihnen fühlte und h?rte es sich so leicht an, als w?re es wie atmen. Aber Shanna verstand es einfach nicht... dieses Grundprinzip.
Shanna spürte eine Berührung auf ihrer Schulter und riss sie schlagartig aus ihren Gedanken, als sie versuchte, eine geistige Verbindung herzustellen. Nur für einen Augenblick hatte sie ihre Deckung fallen lassen und das durfte ihr nicht passieren. Nicht hier. Nicht jetzt, denn alles hing davon ab, wie weit sie schon gekommen war.
Sie wirbelte in einer gehockten Position herum, ihre Dolche gezückt, und blickte in ein linkes azurblaues und ein rechtes violettes Auge, die sie aufmerksam musterten. Ihre Augenbrauen zogen sich leicht zusammen, als wieder die Erinnerungen an Emilys Angriff einfiel. ?Was… was war dort passiert?“, fragte Shanna v?llig ungl?ubig, w?hrend sich ihr violetter Blick in den ihrer Schwester verankerte. ?Ich habe dich… kaum wiedererkannt.“
Leicht verengten sich Emilys Augen und sie nahm einen tiefen Atemzug, ihre Schultern hoben sich dabei leicht, als br?uchte sie ihn jetzt. ?So war das eigentlich nicht geplant gewesen und es h?tte anders sein sollen“, antwortete Emily nach einigen Sekunden. ?Als ich ihn vor mir gesehen hatte und... wie er dich bedroht hatte, wurde ich wütend und ich konnte nicht zulassen, dass er dir weiterhin wehtut“, sprach sie und irgendwie hatte Shanna das Gefühl, wenn sie h?ren k?nnte, w?ren ihre Worte sanft und flüsternd. Ihr Herz schlug erneut schneller, denn was sollte sie daraus vernehmen? Erst als Emily ihre rechte Hand hob und z?rtlich mit den Fingern über ihre Wange glitt. Es war eine liebevolle Geste, die nicht bei den Huntern üblich war, und dazu dieser z?rtliche, reuevolle Blick.
Es erschreckte Shanna zutiefst und sie würde am liebsten allem ausweichen. ?Wieso… ich verstehe das alles nicht“, erklangen ihre eigenen Worte in ihrem Inneren hohl und dumpf. ?Wenn du… ihn schon soweit hattest, wieso hast du ihn nicht gleich get?tet? Es w?re so viel einfacher gewesen, wenn er nicht mehr existieren würde“, verlangte Shanna von Emily zu wissen, denn das begriff sie nicht. Ihre Schwester hasste ihren Vater genauso wie sie. Vielleicht viele Nuancen st?rker, weil sie l?nger unter seiner Hand verbracht hatte als sie selbst.
Emilys Gesicht verzerrte sich zu einer missfallenden Geste und je l?nger Shanna mit ihr zusammen war, desto mehr verborgene Gefühle spiegelten sich in ihren Zügen wider. ?Wenn es so einfach w?re… h?tten schon l?ngst andere ihn get?tet. So einfach, wie du dir das vorstellst, ist das nicht“, sagte sie und ihre Worte h?rten sich verbittert an, als wünschte sie sich nichts lieber, als das zu tun... ihren Vater zu t?ten. Diesen Drang und Hass hatte Shanna vorhin gesehen und gespürt, als Emily ihren Dolch auf schmerzhafte Weise in sein Fleisch stie?, drehte und ruckte... ohne jegliche Gefühlsregung. ?Richard Henry Lancaster kann niemand so leicht t?ten, ohne hinter seinem Geheimnis zu kommen. Etwas schützt ihn und h?lt ihn vom Sterben ab. Ich habe es gesehen… unz?hlige Male, wie er schwer verletzt wurde und das h?tte für jeden den Tod bedeutet, aber… als l?ge ein Zauber auf ihm und niemand vermag ihn zu t?ten.“ Emily erz?hlte eine Seite von ihrem Vater und… es machte Sinn. Auch Shanna hatte ?fters gesehen, wie er eigentlich h?tte den Verletzungen erliegen müssen. Sie hatte immer gedacht, er sei nur zu stur, zu verbohrt und von einem schieren Hass zerfressen, weswegen er nicht sterben wollte. Nicht eher, bis er seine Aufgabe als Hunter erfüllt hatte. Aber das… das ?nderte alles. ?Daher konnte ich ihn nur verletzen und bewegungsunf?hig machen, sodass wir eine Chance und einen Vorsprung bekommen. Du wei?t genauso gut wie ich... wenn er Worte sagt, meint er jedes ernst und entschlossen.“
Shanna nickte langsam und v?llig atemlos. ?Ja, er jagt... bis er sein Ziel gefunden und eliminiert hat.“
?So ist es, aber wir k?nnen kurz Luft holen, weil er uns nicht einfach folgen kann“, redete Emily weiter, als w?re es leicht. ?Er wei? nicht, wo wir sind. Würde er uns einfach so folgen, würde er irgendwo anders rauskommen als wir. Dieses Labyrinth ist sehr gro? und so verzweigt, er wüsste nicht, wo er beginnen müsste, und er kennt nicht unser Ziel. Vermutlich würde er einige J?ger hierherunterschicken, damit sie uns suchen.“
Das war schlüssig und Shanna verstand schnell. Aber… eine Sache musste sie noch wissen, bevor sie aufbrachen. ?Was hat das mit… euren Worten auf sich? Ich muss… nein, ich will es wissen. Warum bezeichnest du mich, als würde ich dir geh?ren?“, verlangte Shanna zu wissen. Ihre Augen und ihr Gesichtsausdruck lie?en nichts anderes zu... sie wollte die Wahrheit h?ren. Es passte nicht zusammen. Nicht zu dem, was sie aus ihrer eigenen Vergangenheit wusste.
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Die Augen ihrer Schwester schlossen sich langsam… ihr Gesicht war eine Maske aus Wehmut. Warum? Ihr K?rper lehnte sich etwas weiter zurück, als sie sich leicht auf die Fersen setzte. Ihr hellbraunes Haar fiel ihr leicht um das zarte Gesicht… verdeckte teilweise ihr rechtes violettes Auge, als sie nun wieder ihre Augen ?ffnete und ein unendlicher Schmerz sich darin widerspiegelte. Es nahm Shanna die Luft zum Atmen. Hier stimmte etwas nicht. ?Eigentlich…“, begann Emily, als z?gerte sie, die Erkl?rung nur hinauszuz?gern. Ihr Herz beschleunigte sich wieder in ihrer Brust. H?mmerte schmerzhaft gegen ihre Rippen. ?Ich wollte nicht… dass du es so erf?hrst. Ja, ich wollte es dir irgendwann erz?hlen, aber nicht auf diese Art und Weise. Nicht gerade jetzt, in diesem Augenblick. Aber ich sehe… du willst diese Antwort auf deine Fragen“, setzte Emily fort. War es denn so schwer und… zu kompliziert? ?Die Worte, die du vernommen hast, sie stimmen. Du geh?rst mir. Allein mir, weil ich diejenige war… die dich auf die Welt gebracht hatte.“
Shanna ruckte mit einer einzigen Bewegung zurück und knallte mit Wucht gegen die kalte Felswand. Sie spürte nicht den Schmerz, der sich in ihren Rücken presste, w?hrend sich ihre Augen vor Entsetzen, Unglaube… und unz?hligen anderen Gefühlen weiteten, die in ihr tobten. Aber… nein, das konnte nicht sein. Das würde bedeuten, Emily w?re ihre… Mutter? Unm?glich. Nein, das war einfach nur unm?glich... und doch starrte Shanna sie weiter an und erkannte nichts anderes in ihrem Gesicht... als Reue, eine stille Entschuldigung und… qu?lender Schmerz.
?Nein…“, formte Shanna nur das einzige Wort. Sie wusste in diesem Moment nicht einmal, ob sie es verst?ndlich herausgebracht hatte, weil sie das Gefühl hatte… alles versagte. Selbst ihre Stimme, die sie nicht wahrnehmen konnte. Ihr Hals war trocken, ihr Herz stand pl?tzlich vor Erschütterung still.
?Und doch… ist es die Wahrheit, Shanna“, widersprach Emily z?gernd, als würde sie selbst unter dem Gewicht der Worte leiden. ?Ich wollte es dir schon immer sagen, aber ich konnte… und durfte nicht. Nicht solange du unter der Hand von Richard Henry Lancaster warst. Er hatte mir immer gedroht, er würde dich… er wusste ganz genau, dass ich für dich etwas empfinde, was wir J?ger niemals dürfen. Er sah es in den ersten Jahren, als ich dich lehrte… um dich vor allem zu wahren und zu schützen. Selbst das mit deiner Geh?rlosigkeit. All das sollte dich st?rker als alle anderen machen, und ich musste oft zu mir selbst sagen, wie ich meine Empfindungen zu dir unterdrücken musste“, sprach sie weiter, als müsste sie alles von sich reden... all die angestauten Gefühle und Worte, die jahrelang verschlossen waren. ?Ich habe es gehasst.“ Ihre Augen sprühten vor unb?ndigem Zorn und ihre H?nde ballten sich auf ihrem Scho? zu F?usten, sodass die Kn?chel kalt-wei? wurden. ?Irgendwann ertrug er nicht mehr diesen Anblick... wie ich mich mehr an dich band... und schickte dich in den Norden von England… zu unserem Halbbruder… weil er dachte, eine Distanz würde alles im Keim ersticken. Mir blieb dann nur die M?glichkeit, dich über die Entfernung zu wachen… aber dann bist du verschwunden, hast dich mit Gestaltenwandlern zusammengeschlossen. Alle anderen verachteten dich aus tiefstem Herzen, weil du Verrat begangen hast und sie wollten dich tot sehen. Ich dachte nur… endlich. Erst hatte ich die Befürchtung, dass sie dir wehtun würden, wegen dem Hass, der zwischen J?gern und Mythenwesen herrscht. Aber je l?nger die Zeit verging, spürte ich, dass es dir gut ging und hoffte, du würdest dort das Leben erhalten, welches du von mir nie bekommen hast.“
Langsam wurden diese vielen Worte zu viel und ihr Kopf explodierte beinahe. Das konnte Shanna wirklich nicht gebrauchen. Nicht hier und jetzt. Dennoch kam alles heraus, als w?re irgendwas explodiert. Sie konnte auch verstehen, warum Emily nun alles von sich reden wollte. Sie sah, wie sehr sie litt und wie sehr sie es anders h?tte machen wollen. ?Bitte… stopp“, murmelte Shanna und erhob eine flache Hand, die den Redefluss unterbrechen sollte. ?Das ist wirklich… zu viel und ich habe keine Ahnung… ob ich das verdauen kann“, sprach sie leicht abseits ihres Sichtfeldes. Leicht rieb sie mit den Fingern über ihre Stirn, als k?nnte sich dahinter etwas l?sen. ?Ich denke… ich will vorerst nur noch eine Frage wissen, w?hrend ich alles durchdenken muss. Ich will hier nicht meine Konzentration verlieren“, sagte Shanna ernst und blickte sich in der Umgebung um, damit sie nicht unerwartet angegriffen wurden.
Emily nickte auf ihre Worte und hoffte wirklich, dass sie verstand und es ihr nicht übel nahm. ?Sicher“, formte sie das eine Wort. Immerhin hatte Shanna all die Jahre etwas anderes in Erinnerung... dass ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben war und sie somit unter den J?gern aufgewachsen war. Unter K?lte und strenger Kontrolle. Doch nun war alles anders?
?Wenn du meine… Mutter bist, ist dann mein Vater... ein anderer?“, fragte Shanna, weil sie genau das wissen musste.
?Nein.“ Ein einziges Wort und Shannas Augen weiteten sich erneut, w?hrend ein ungeahntes Gefühl in ihr aufstieg. Gnadenlos. ?Der Erzeuger ist wirklich Richard Henry Lancaster.“
Oh Gott, ihr wurde gerade wirklich schlecht. Kurz hatte Shanna gehofft, dass dieser Mann nicht ihr Vater war, aber das zog ihr die Fü?e unter dem Boden weg. ?Du bist… aber auch… sein Kind?“, zitterte ihre Stimme… eher daran erkennbar, wie ihr K?rper leicht bebte.
?Ja, ich bin ebenfalls ein Abk?mmling von ihm“, brachte Emily schonungslos heraus und versteckte diese ekelerregende Wahrheit überhaupt nicht. ?Die Mutter, die damals bei der Geburt starb, war meine eigene. Ich habe nur diese bei dir aufgegriffen, weil es leichter war und du somit weniger Fragen stellen würdest“, gestand Emily. ?Aber falls du weiter fragen willst: Nein, wir waren nie in einem… intimen Kontakt zusammen. So etwas brauchen wir J?ger nicht und das ist oft überflüssig“, sagte sie knallhart weiter und es wurde echt immer schockierender. Selbst nach diesen Worten, die Emily nun formte: ?Als ich damals vierzehn Jahre alt war und geschlechtsreif… wurde ich künstlich befruchtet. Im Alter von fünfzehn Jahren habe ich… dich bekommen. Das wurde mit jedem weiblichen Mitglied der Lancaster getan… alle, damit der Stamm rein und unverf?lscht bleibt.“ Was wirklich widerw?rtiger wurde, je weiter es ging. ?Als sie bei dir bemerkten, dass du geh?rlos warst, wurdest du dafür nicht akzeptiert, was ich… als Erleichterung empfunden hatte, weil du nicht das Gleiche durchmachen müsstest, was ich erlebt habe.“
Das Einzige, was Shanna jetzt durch den Kopf ging, war… wie krank das alles war. Absolut krank, abartig und es erschütterte sie bis ins Mark. So tief, dass es sich wie bei?ende S?ure festfra?. Allein diese Vorstellung war nicht machbar und w?hrend Shanna ihre… Schwester, zugleich ihre Mutter anstarrte… selbst dieser Gedanke war unvorstellbar absurd. Durch zwei Linien miteinander verbunden, was nicht h?tte sein dürfen und doch waren sie unzertrennbar miteinander verbunden.
?Schluss… mehr verkrafte ich nicht“, zitterten Shannas Lippen immer noch leicht, w?hrend ihr Hals sich rau und trocken anfühlte. ?Nimm… es mir bitte nicht übel… aber das muss ich erst einmal…“, ja was? Sacken… verdauen… verarbeiten? ?… verkraften“, sagte sie schlie?lich.
?Natürlich“, entgegnete Emily und senkte ihren braunen Schopf, als t?te ihr alles leid, aber letzten Endes konnte Shanna nichts weiter sehen als das, dass sie ein weiteres Opfer war. Gezwungen, Dinge zu tun, die sie nie gewollt hatte. Sie war ihr nicht b?se… nein, nur zutiefst entsetzt. Ihr sogenannter Familien-Stamm war nichts weiter als ein altbekanntes herrisches System aus dem Mittelalter, wo die Frauen gar keine Rechte besa?en.
Doch bevor all diese abartigen Gedanken weiter ihr Gehirn vernebelten und bombardierten, errichtete Shanna eine Mauer im Inneren und schottete alles Negative ab. All das behinderte sie jetzt nur bei ihrem Vorhaben und sie würde sich sp?ter Gedanken darüber machen und was es pers?nlich für sie bedeutete. Ebenso, wie sie darüber dachte und handelte. Deswegen nahm sie ihren schmalen, kompakten Rucksack von ihren steifen Schultern, ?ffnete ihn schlagartig und holte daraus zwei Flaschen zu trinken. Sie beugte sich leicht nach vorne und drückte Emily eine davon in die Hand. ?Hier… trinke etwas. Alles andere, was jetzt gefallen ist, darüber reden wir sp?ter. Ich muss mich als Erstes auf diese Mission konzentrieren, bevor ich mir darüber ernsthafte Gedanken machen kann. Auch was das… für uns bedeutet. Ich bin dir nicht b?se, aber leider ist das gerade alles zu viel.“
?Das verstehe ich“, sagte Emily und nahm die Flasche an. ?Ich werde dir trotzdem helfen, dass du dein Ziel erreichst. Alles, was in meiner Macht steht.“
?Das wei? ich“, antwortete Shanna nickend und trank ein paar Schlucke, als sie ihre Flasche zurück packte und mit einem Ratschen die Seitentasche ihres schwarzen Kampfoutfits ?ffnete. Sie griff hinein und holte ein leeres Blatt Papier heraus. Sie war dankbar, dass Sorcha sie daran erinnert hatte, und das war eine gute Idee. So konnten sie miteinander kommunizieren, ohne dass Gefahr lief, dass unnütze Ger?usche sie st?rten… sollten sie in einer stecken. Darauf schrieb sie mit einem Stift aus ihrer Tasche ein paar wichtige Zeilen, die sofort verschwanden.
?Was ist das?“, fragte Emily neben ihr, als Shanna ihr ins Gesicht blickte.
?Das ist zur Kommunikation gedacht. Damit sie im Rudel wissen, wo ich bin und dass es mir bisher gut geht“, erkl?rte Shanna ihr, was ihre Schwester überrascht aufblicken lie?. Keine halbe Minute sp?ter erhielt sie Antwort auf dem Zettel, als es warm in ihrer Hand wurde.
Der Mondg?ttin sei Dank. Wir haben uns wirkliche Sorgen dich gemacht. Pass bitte weiterhin auf dich auf. Vergiss nicht, sollte etwas sein, melde dich und wir sind da.
Allein bei diesen Worten von Sorcha fiel ihr gerade eine enorme Last von ihren Schultern und die furchtbare Wahrheit, die vorhin gefallen war, rückte in den Hintergrund. Am liebsten würde Shanna gerade mit ihr pers?nlich reden… über alles sprechen, was sie erfahren hatte. Weil sie sich ihre beste Freundin mitteilen wollte. Aber leider musste das warten, bis sie wieder mit Neil zu Hause war. Daher konnten sie beide nicht weiter hier verharren und mussten weiter beschleunigen. Jede Minute z?hlt. Allein wegen der Gefahr im Nacken, was ihr Vater anging und zweitens wegen Neil, der irgendwo litt.

