Kapitel 3 – Flucht vor dem Riss
Der Schatten schnellte vor.
Nicht gleitend, nicht laufend – er zerriss die Luft zwischen ihnen.
?Lauf!“ rief Kawin.
Diesmal z?gerte Phirun nicht.
Kawin packte ihn am Arm, und gemeinsam stürzten sie aus der Gasse zurück auf die Stra?e. Mit dem ersten Schritt über die unsichtbare Grenze brachen die Ger?usche der Stadt wie eine Welle über sie herein – Hupen, Stimmen, Motoren. Alles normal. Zu normal.
?Nicht stehen bleiben!“ Kawins Stimme war hart, konzentriert.
Hinter ihnen flackerte etwas. Für einen Sekundenbruchteil schimmerte der Riss erneut zwischen den Backsteinen – dann war er verschwunden.
Doch das Gefühl blieb.
Sie rannten.
Zwischen Menschen hindurch, über eine Kreuzung, vorbei an parkenden Motorr?dern. Phiruns Lungen brannten, sein Herz raste, sein Kopf dr?hnte. Mehrmals wagte er einen Blick zurück.
Nichts.
Und doch war da dieses Ziehen in seiner Brust. Als würde etwas ihre Spur wittern.
Erst nach mehreren Minuten bog Kawin in einen verlassenen Park ein, abseits der Hauptstra?e. Zwischen hohen B?umen und flackernden Laternen blieb er abrupt stehen.
Phirun prallte fast gegen ihn.
?Weiter—“ keuchte er.
?Hier nicht“, sagte Kawin leise. ?Hier kann es uns nicht direkt erreichen.“
Phiruns Beine gaben nach.
Er fiel ins feuchte Gras und rang nach Luft. Kawin blieb noch einen Moment stehen, prüfte die Umgebung mit angespannten Schultern – dann kniete auch er sich hin.
Für einige Sekunden war nur ihr schwerer Atem zu h?ren.
Dann brach es aus Phirun heraus.
?Was war das?!“ Seine Stimme zitterte vor Wut und Angst. ?Ich wei? nicht, was hier los ist! Bitte – erkl?r es mir!“
Er sah Kawin direkt an.
?Und vor allem – wer bist du? Woher kennst du mich?“
Die Nacht war stiller hier. Nur das Rascheln der Bl?tter antwortete.
Kawin hielt seinem Blick stand.
In seinen Augen lag kein Ausweichen mehr. Kein Geheimnis, das er noch zurückhalten konnte.
Nur Akzeptanz.
?Mein Name ist Kawin Thamrongsak“, begann er ruhig. ?Und ich geh?re zu den Hütern.“
Phirun blinzelte. ?Den was?“
?Hüter. Wir existieren zwischen den Welten. Unsere Aufgabe ist es, die überg?nge zu kontrollieren – Risse zu schlie?en, bevor etwas hindurchkommt.“
Phiruns Herz stolperte.
?Andere Welten“, murmelte er.
?Ja.“
Kawin setzte sich ins Gras, die H?nde locker auf den Knien. Er wirkte ersch?pft – nicht k?rperlich, sondern innerlich.
?Vor zwanzig Jahren“, fuhr er fort, ??ffnete sich ein ungew?hnlich stabiler Riss. Nicht zuf?llig. Nicht chaotisch. Er blieb offen.“
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Phirun spürte wieder dieses Brennen in seiner Brust.
?Und?“
?Und durch diesen Riss wurde ein Kind geboren.“
Stille.
Phirun verstand.
Oder wollte es nicht verstehen.
?Nein.“
?Doch.“
Kawins Stimme war sanft geworden.
?Du warst dieses Kind, Phirun.“
Der Name klang anders aus seinem Mund. Vertraut. ?lter.
?Du bist nicht vollst?ndig von hier“, sagte Kawin leise. ?Aber auch nicht von dort. Du bist ein lebendiger übergang. Ein Gleichgewichtspunkt.“
Phiruns Kopf schüttelte sich automatisch.
?Das ist verrückt.“
?Ich wei?.“
?Das ergibt keinen Sinn.“
?Es muss keinen ergeben. Es ist trotzdem wahr.“
Kawin atmete tief durch.
?Ich war dabei, als der Riss sich schloss. Ich war jung – noch in der Ausbildung. Mein Meister gab mir den Auftrag, das Neugeborene zu finden. Dich.“
Phiruns Atem stockte.
?Du hast mich… gesucht?“
?Jahre lang.“
?Warum? Um mich zu t?ten?“
Ein Schatten huschte über Kawins Gesicht.
?Nein.“
Er sah Phirun direkt an.
?Um dich zu beschützen.“
Die Worte hingen zwischen ihnen.
?Du bist kein Fehler“, sagte Kawin fest. ?Aber deine Existenz destabilisiert die Grenze. Wesen wie das, was wir gerade gesehen haben – sie spüren dich. Für sie bist du kein Mensch.“
?Was bin ich dann?“
Kawin z?gerte.
?Ein Tor.“
Wieder dieses Wort.
?Solange du nichts wei?t, bleibst du gr??tenteils geschlossen. Dein K?rper h?lt die Balance. Aber heute…“ Sein Blick wurde intensiver. ?Heute hast du mich gesehen.“
Phirun runzelte die Stirn.
?Und?“
?Hüter und Tore sind aneinander gebunden.“
Die Erkenntnis traf Phirun langsam.
?Deshalb fühlt sich das so an.“
?Ja.“
?Als würde ich dich kennen.“
Kawin nickte.
?Unsere Energien erkennen sich. Als wir uns als Kinder begegnet sind, hat sich die Bindung gebildet. Ich habe dich danach nie wieder gefunden. Man hat dich… verborgen.“
?Vor dir?“
?Vor allem.“
Der Wind fuhr leise durch die B?ume.
Phirun sah auf seine H?nde. Sie zitterten noch leicht.
?Also ist dieses Ding hinter uns her, weil ich existiere?“
?Ja.“
?Und es wird wiederkommen?“
Kawin schwieg einen Moment.
Dann sagte er leise:
?Ja.“
Phirun lachte kurz auf. Nicht humorvoll.
?Gro?artig.“
Dann hob er den Blick.
?Warum jetzt? Warum nach all den Jahren?“
Kawins Augen wurden ernst.
?Weil dein Tor beginnt, sich zu ?ffnen.“
Ein kalter Schauer lief Phirun über den Rücken.
?Und was passiert, wenn es sich ganz ?ffnet?“
Kawin hielt seinem Blick stand.
?Dann h?ngt es davon ab… wer zuerst hindurchtritt.“

